Nur 5 Minuten für Ernährungsberatung? ­­Effiziente Kurzinterventionen für die Hausarztpraxis

Bei vielen Patienten und Patientinnen ist eine Ernährungsumstellung indiziert. In der hausärztlichen Sprechstunde fehlt jedoch häufig die Zeit für eine angemessene Beratung. Diese Kurzinterventionen können helfen.

Zusammenfassung

Viele Patienten und Patientinnen haben Schwierigkeiten bei der Umsetzung einer gesunden Ernährung und wünschen sich entsprechende Unterstützung von ihrem Hausarzt, ihrer Hausärztin. Kurzberatungen bieten einen effizienten Ansatz, um auch bei geringem Zeitbudget zielgerichtet und individuell zu beraten. Eine Metaanalyse zeigt, dass diese Art der Intervention kurzfristige positive Veränderungen des Ernährungsverhaltens bewirken kann.

Was ist eine Kurzberatung?

Auf dieser Seite finden Sie zwei strukturierte Vorgehensweisen für sehr kurze Beratungsanlässe. Sie beruhen auf dem Konzept der Kurzintervention (Kurzberatung) der World Health Organisation und basieren auf der 5-A-Methode. Kurzinterventionen adaptieren die wesentlichen Kernpunkte der 5-A-Methode gezielt an die knappen Zeitbudgets in der Hausarztpraxis und ermöglichen so eine hocheffiziente Patientenansprache. Das Vorgehen wurde auf die deutsche Versorgungssituation angepasst und auf das Thema gesunde Ernährung fokussiert.

Ablauf der Kurzberatung

Die Kurzintervention erfolgt in drei Schritten:

Legen Sie nun fest, wie viel Zeit Sie für die Beratung haben und folgen Sie dem entsprechenden Pfad.

Strukturiertes Vorgehen:

1 Befragen: offene Abfrage der Essgewohnheiten

2 Beraten: keine ausführliche Beratung, sondern Nutzen von gesunder Ernährung für den Patienten betonen

3 Unterstützen: Kurzinformation zur gesunden Ernährung mitgeben

Anwendung am Fallbeispiel

 

Patient: Herr Meyer präsentiert sich mit Präadipositas (BMI 28,2 kg/m²) sowie laborchemisch gesicherter Hypercholesterinämie (LDL-C: 4,3 mmol/l); sedentärer Lebensstil: primär sitzende Tätigkeit im Verwaltungsdienst ohne kompensatorische körperliche Aktivität.

Situation: Auswertung Check-up-Ergebnisse

Befragen: 

Eine kurze Frage nach den Ernährungsgewohnheiten ergibt, dass Herr Meyer zu wenig Gemüse isst.

Beraten:

  • Konkreten Nutzen einer gesunden Ernährung für Herrn Meyer betonen: Minderung des Risikos für Folgeerkrankungen

Unterstützen:

„Herr Meyer, schön dass beim Check-up soweit nichts Dramatisches aufgefallen ist. Lediglich Ihre Cholesterinwerte sind etwas erhöht. Das erhöht langfristig das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Um dem auf die Spur zu kommen: Wie sieht Ihre Ernährung aktuell aus? [...] Eine gesunde Ernährung ist wichtig, um Folgeerkrankungen zu vermeiden. Ich gebe Ihnen diese Kurzinformation zur gesunden Ernährung mit. Schauen Sie mal rein! Beim nächsten Termin besprechen wir kurz, wie Sie das gut umsetzen können.“

Unter dem Begriff „Brief Intervention“ oder Kurzberatung wird ein Spektrum an Interventionsformen zur Förderung gesundheitsfördernder Verhaltensänderungen zusammengefasst. Ihr Kernziel besteht darin, im persönlichem Kontakt und mit minimalem Zeitaufwand eine Verhaltensänderung zu initiieren, z. B.

  • das Wissen und die Eigenmotivation der Patienten für eine Lebensstiländerung zu steigern,
  • die Adhärenz gegenüber gesunden Lebensgewohnheiten langfristig zu fördern und
  • die Aufrechterhaltung dieser Verhaltensänderungen im Alltag zu sichern.

Zentrales Element ist der aktive Dialog zwischen medizinischem Fachpersonal und Patient. Das Fachpersonal agiert hierbei als Navigator: Es vermittelt individualisierte Strategien, die sich am jeweiligen Stadium der Verhaltensänderung orientieren.

„Brief Interventions“ wurden primär für den Einsatz im persönlichen Beratungsgespräch („Counseling“) entwickelt. Wesentliche Bestandteile sind die Einschätzung des Ist-Zustands und der Veränderungsphase der Patienten sowie das darauf aufbauende Feedback. Letzteres verfolgt dabei einen „anbietergeleiteten, aber patientenzentrierten“ Ansatz, der sich am Transtheoretischen Modell der Verhaltensänderung orientiert:

  • In frühen Phasen (Absichtslosigkeit/Absichtsbildung) stehen Bewusstseinsschärfung und das Auflösen von Ambivalenzen im Vordergrund.
  • In der Handlungsphase folgt die gemeinsame Erstellung konkreter Pläne.
  • In der Aufrechterhaltungsphase wird der Erfolg durch Bestärkung gesichert.

Warum Kurzberatungen anbieten

Gesunde Ernährung ist essenziell für die Prävention und Therapie vieler chronischer Erkrankungen. Doch vielen Patientinnen und Patienten fällt die Umsetzung schwer. Gründe dafür sind vielfältig und es ist mehr als nur fehlende Disziplin. Neben psychischer Belastung, Stress und mangelnder Motivation spielen auch fehlende Selbstwirksamkeit, Gewohnheit und fehlende Unterstützung eine Rolle.

Medizinisches Fachpersonal nimmt eine Schlüsselrolle bei der Unterstützung von Patienten zur Änderung ihres Lebensstils ein und wird in entsprechenden Leitlinien als die wesentlichen Akteure für die Durchführung von Lebensstilinterventionen genannt. Für die große Mehrheit der Patientinnen und Patienten ist der Hausarzt, die Hausärztin weiterhin die wichtigste Quelle für Gesundheitsinformationen und das Vertrauen zu ihnen ist sehr groß. Eine Beratung durch den Hausarzt, die Hausärztin zeigt positive Effekte. Patienten begrüßen solche Interventionen: Eine große Mehrheit (80–95 %) bevorzugt eine direkte Beratung zu gesunder Ernährung und körperlicher Aktivität durch ihre Ärztin oder den behandelnden Arzt.

Jedoch fehlt im Arztgespräch oft die Zeit, mit Patientinnen und Patienten darüber zu sprechen und sie zu unterstützen. Kurzberatungen sind ein möglicher Ansatz, um in sehr kurzer Zeit individuell über gesunde Ernährung aufzuklären.

Wirksamkeit von Kurzberatungen

Grundsätzlich führen Beratungsinterventionen in der Primärversorgung nachweislich zu einer Verbesserung des Ernährungsverhaltens und der klinischen Parameter der Patienten. 

Eine Metaanalyse verschiedener Beratungs- und Interventionsmaßnahmen in der primären Gesundheitsversorgung zur Förderung einer gesunden Ernährung zeigte einen vermehrten Verzehr von

  • Obst (+ 0,25 Portionen/Tag)
  • Gemüse (+ 0,50 Portionen/Tag)
  • Ballaststoffen (+ 1,97 g/Tag)

sowie einen Rückgang des Gesamtfettverzehrs um 5,2 % und der Gesamtenergie, was mit einer Senkung der Serumcholesterinwerte im Durchschnitt um 0,10 mmol/L einherging.

Die Wirksamkeit von Kurzberatungen wurde in einer Metaanalyse aus 45 Studien (Whatnall et al., 2018) untersucht. Die Ergebnisse lassen darauf schließen, dass kurze Interventionen kurzfristige positive Veränderungen im Ernährungsverhalten bewirken können (Median Follow-up: 3,5 Monate), insbesondere im Hinblick auf den Verzehr von Obst, Gemüse und Fett. Die Datenlage zur langfristigen Aufrechterhaltung ist jedoch noch limitiert. Interventionen, die individualisierte oder instruktive Komponenten (z. B. konkretes Feedback) enthalten, waren der reinen Wissensvermittlung dabei überlegen.

Darüber hinaus können solche Kurzinterventionen vorteilhafte Auswirkungen auf verschiedene Gesundheitsparameter haben, darunter den BMI, den Taillenumfang, den Blutdruck, die Glukosetoleranz und die Blutfettwerte. Zudem hat sich gezeigt, dass kurze Lebensstilinterventionen dank ihrer individuellen Ausrichtung die Adhärenz der Patienten gegenüber der Maßnahme wirksam verbessern.

Für Fachkräfte im Gesundheitswesen bieten kurze Lebensstilinterventionen einen praktischen und effizienten Ansatz, um die Vermittlung gesundheitsfördernder Maßnahmen zu erleichtern. Berichten zufolge sind diese Kurzinterventionen gut durchführbar und stoßen auf hohe Akzeptanz, da sie sich leicht in den Praxisalltag integrieren lassen.

Ein wichtiger Baustein in der Arzt-Patienten-Kommunikation zu Lebensstilveränderungen ist die motivierende Gesprächsführung. Dies ist weniger eine „technische“ Anleitung als eine Grundhaltung in der Kommunikationssituation:

  • Kommunikation auf Augenhöhe
  • Akzeptanz der Patientenautonomie
  • Evokation (keine alleinige Vermittlung von Wissen, sondern vorhandene Motive und Ressourcen des Patienten im Gespräch aufzeigen)

Diese Aspekte können in der Kurzberatung angewendet werden. Eine weitere Rolle spielt das Transtheoretische Modell der Verhaltensänderung: Je nachdem in welcher Phase der Verhaltensänderung ein Patient sich befindet, können andere Informationen im Vordergrund stehen. Dies wird in den Kurzberatungen berücksichtigt, z. B. bei folgenden Fragen:

  • Möchten Sie sich gesünder ernähren?
  • Sind Sie bereit, professionelle Unterstützung in Anspruch zu nehmen?

Quellen und Hinweise

Unsere Gesundheitsinformationen können eine gesundheitsbezogene Entscheidung unterstützen. Sie ersetzen nicht das persönliche Gespräch mit einem Arzt oder einer Ärztin und dienen nicht der Selbstdiagnostik oder Behandlung.

Frimmer V, Lanzke A. Lebensstilinterventionen: Die beste Therapie, die kaum jemand umsetzt. Deutsches Ärzteblatt 6. Deutsches Ärzteblatt International 2026:322.

Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV). Ernährung: Möglichkeiten der Beratung und Therapie, Tipps für die Praxis und Beispiele; 2020. PraxisWissen.

Mangione CM, Barry MJ, Nicholson WK et al. Behavioral counseling interventions to promote a healthy diet and physical activity for cardiovascular disease prevention in adults without cardiovascular disease risk factors: US Preventive Services Task Force recommendation statement. JAMA 2022; 328(4):367–74. doi: 10.1001/jama.2022.10951.

Mertens HL, Kaifie A. Ernährungsberatung in ärztlichen Praxen verschiedener Fachrichtungen – eine Querschnittsstudie. Bundesgesundheitsblatt Gesundheitsforschung Gesundheitsschutz 2024; 67(6):721–9. doi: 10.1007/s00103-024-03870-0.

Wang B, Shen Q, Xiao M et al. Towards a better understanding of brief lifestyle interventions in noncommunicable diseases: A concept analysis. BMC Public Health 2025; 25(1):3497. doi: 10.1186/s12889-025-23744-7.

Whatnall MC, Patterson AJ, Ashton LM, Hutchesson MJ. Effectiveness of brief nutrition interventions on dietary behaviours in adults: A systematic review. Appetite 2018; 120:335–47. doi: 10.1016/j.appet.2017.09.017.

World Health Organisation (WHO). Regional Office for Europe. Integrated brief interventions for uncommunicable disease risk factors in primary care. The manual: BRIEF project; 2022. 

Unsere Angebote werden regelmäßig geprüft und bei neuen Erkenntnissen angepasst. Eine umfassende Prüfung findet alle drei bis fünf Jahre statt. Wir folgen damit den einschlägigen Expertenempfehlungen, z.B. des Netzwerk Evidenzbasierte Medizin e.V.

Informationen dazu, nach welchen Methoden die Stiftung Gesundheitswissen ihre Angebote erstellt, können Sie in unserem Methodenpapier nachlesen.

Autoren und Autorinnen:
Jochen Randig
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Senior-Multimedia-Producer
Jochen Randig ist Kommunikationswissenschaftler mit Schwerpunkt Bewegtbild. Für die Stiftung konzipiert er multimediale Formate und ist für die Qualitätssicherung und Dienstleistersteuerung in diesem Bereich zuständig.
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Lisa-Marie Ströhlein
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Lisa-Marie Ströhlein

Medical Writerin
Lisa-Marie Ströhlein studierte Medizinische Biologie mit dem Schwerpunkt Wissenschaftskommunikation. Für die Stiftung bereitet sie komplexe medizinische Themen und Inhalte in laienverständlicher Sprache auf.
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Michael Mibs
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Michael Mibs

Referent Evidenzbasierte Medizin
Michael Mibs ist studierter Gesundheitswissenschaftler und Soziologe. Für die Stiftung erarbeitet er Inhalte für multimediale Informationsangebote auf Basis der Methoden der evidenzbasierten Medizin und konzipiert Analysen mit Bezug zur klinischen Versorgung.

Die Stiftung Gesundheitswissen hat das Ziel, verlässliches Gesundheitswissen in der Bevölkerung zu stärken. Die an der Erstellung unserer Angebote beteiligten Personen haben keine Interessenkonflikte, die eine unabhängige und neutrale Informationsvermittlung beeinflussen.

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Erstellt am: 29.06.2026

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