Was sind Seltene Erkrankungen?
Seltene Erkrankungen zeichnen sich nicht nur durch niedrige PrĂ€valenzzahlen aus â hĂ€ufig handelt es sich dabei auch um komplexe und chronisch verlaufende Krankheitsbilder, die mit reduzierter Lebenserwartung und LebensqualitĂ€t einhergehen. Was das fĂŒr Betroffene und ihre Versorgung bedeutet.
Wann spricht man von einer Seltenen Erkrankung (SE)?
In der EuropÀischen Union gelten Krankheiten als selten, wenn nicht mehr als 5 von 10.000 Menschen davon betroffen sind. Bei höchstens 1 von 50.000 Erkrankten spricht man von sehr Seltenen Erkrankungen oder ultra rare diseases. Bei manchen SE wird davon ausgegangen, dass sie so selten sind, dass es derzeit keine lebende Person mit dieser Krankheit gibt.
Auch wenn die einzelnen Erkrankungen selten sind, ist die Zahl der seltenen Krankheitsbilder insgesamt hoch. Allein in Deutschland leben SchĂ€tzungen zufolge etwa vier Millionen Menschen mit einer SE. In der gesamten EU geht man von 30 Millionen und weltweit von 263 bis 446 Millionen Betroffenen aus. Laut einer Analyse der Orphanet-Datenbank handelt es sich bei 84,5 Prozent der Seltenen Erkrankungen um Krankheiten, die weniger als eine Person pro einer Million Menschen betreffen. Der GroĂteil der Menschen mit einer Seltenen Erkrankung (77,3 Prozent bis 80,7 Prozent) verteilt sich auf 4,2 Prozent der hĂ€ufigsten Seltenen Erkrankungen.
Was sind Seltene Erkrankungen?
Was sind Seltene Erkrankungen?
Mit dem Begriff Seltene Erkrankungen wird eine Vielzahl unterschiedlichster Krankheiten zusammengefasst. Was sie verbindet? Ihre Seltenheit! In der EuropĂ€ischen Union gilt eine Erkrankung als selten, wenn nicht mehr als 5 von 10.000 Menschen an ihr erkrankt sind. Ist höchstens eine von 50.000 Personen betroffen, spricht man von Sehr Seltenen Erkrankungen. In beiden FĂ€llen gibt es also verhĂ€ltnismĂ€Ăig wenig Erkrankte. Nimmt man aber alle Menschen mit Seltenen Erkrankungen in Deutschland zusammen, so sind das mehr Menschen, als in Berlin wohnen: rund vier Millionen!
Die meisten Seltenen Erkrankungen sind nicht heilbar. Oft treten sie bereits im Kindesalter oder in der Jugend auf. Ăber die meisten ist auch noch wenig bekannt. Daher dauert es oft lange, bis sie diagnostiziert werden.
Wissen ist gesund.
Der Status âSeltenâ kann sich ĂŒber die Zeit aufgrund von demographischen und regionalen Gegebenheiten sowie wissenschaftlichen Erkenntnissen Ă€ndern. Ein Beispiel dafĂŒr ist die Tuberkulose. In Deutschland gehört sie zu den Seltenen Erkrankungen. Global betrachtet gehört sie aber zu einer der hĂ€ufigsten tödlichen Erkrankungen.
Wie viele SE gibt es?
Da eine weltweit einheitliche Definition von SE fehlt, liegen die SchÀtzungen weit auseinander. In der Literatur finden sich Zahlen zwischen 6000 und 10.000 verschiedenen SE.
Es wird davon ausgegangen, dass sich die Anzahl der Seltenen Erkrankungen aus den folgenden GrĂŒnden ĂŒber die Zeit erhöhen wird:
- Fortgeschrittene Diagnostik macht es möglich, weitere SE zu entdecken und entsprechende Diagnosen schneller zu stellen.
- Durch die Zunahme der Weltbevölkerung steigt die Anzahl an Personen, die potenziell von SE betroffen sein können.
- Eine verbesserte medizinische Versorgung fĂŒhrt zu einer höheren Lebenserwartung der Erkrankten.
Ursachen: SE sind hÀufig genetisch bedingt
Bei etwa 72 Prozent der SE wird eine genetische Ursache vermutet, wobei sich diese Anzahl aufgrund von Entwicklungen und verbesserter Diagnostik stetig verÀndert. Bei den meisten genetischen Störungen handelt es sich um SE. Weitere Ursachen von SE sind seltene Infektionen, seltene Formen von Autoimmun-Störungen oder auch seltene Krebserkrankungen.
Merkmale von SE: schwere und chronische VerlÀufe
SE sind heterogen und umfassen alle medizinischen Disziplinen. Dennoch lassen sich hÀufig gemeinsame Merkmale finden:
- Meist systemische AusprÀgung der Beschwerden
- HĂ€ufig chronische, schwere und degenerative VerlĂ€ufe, die mit verkĂŒrzter Lebenserwartung einhergehen
- Krankheitsbeginn bei etwa 50 Prozent der Seltenen Erkrankungen im Kindesalter
- EinschrÀnkung der LebensqualitÀt durch Verlust der Autonomie bei vielen Betroffenen
- Hohe psychosoziale Belastung der Betroffenen und Angehörigen
- Fehlen kurativer Therapien
- Mangel an Versorgungs- und UnterstĂŒtzungsangeboten
Herausforderungen in der Versorgung
Auch wenn sich die Bedingungen fĂŒr Menschen mit SE durch Forschung und intensivierte Zusammenarbeit von Versorgerinnen und Versorgern deutlich verbessert haben, bestehen fĂŒr viele Menschen mit SE noch groĂe Herausforderungen. Das gilt vor allem fĂŒr die Suche nach der richtigen Diagnose und einer adĂ€quaten Versorgung.
Langwierige Diagnosestellung
Viele Ărzte und Ărztinnen verfĂŒgen ĂŒber wenig Kenntnisse ĂŒber SE insgesamt oder einzelne SE, was die Diagnostik deutlich erschwert. Hinzu kommt, dass es fĂŒr viele Seltene Erkrankungen keine diagnostischen Verfahren gibt. Menschen mit SE haben hĂ€ufig eine Odyssee durch das Gesundheitssystem hinter sich, die mit Fehldiagnosen und unangemessenen medizinischen Interventionen verbunden sind, bevor sie die richtige Diagnose erhalten. Bis die richtige Diagnose gestellt wird, vergehen im Schnitt fĂŒnf Jahre. Sie ist jedoch entscheidend fĂŒr das weitere Vorgehen bei der Versorgung von Menschen mit Seltenen Erkrankungen.
VersorgungslĂŒcken
Nach der Diagnose stellt sich die Herausforderung, geeignete Versorgungsangebote fĂŒr die Patienten und Patientinnen zu finden. Fehlen die kurativen Therapieoptionen, bleibt nur eine symptomorientierte Behandlung, fĂŒr die unterschiedliche Spezialisten und Spezialistinnen benötigt werden â regional verfĂŒgbare Versorgungsangebote sind dabei in der Regel begrenzt. Menschen mit SE benötigen meist eine lebenslange intensive therapeutische Versorgung. Das Erkrankungsmanagement mit dem Finden von Therapieangeboten, Terminkoordination, Informationsweitergabe und KostenantrĂ€gen verlangt Betroffenen und Angehörigen viel ab.
Psychosoziale Auswirkungen
FĂŒr Menschen mit SE besteht die Gefahr, dass ihre Belastungen nicht angemessen ausgeglichen und ihre Interessen nicht ausreichend wahrgenommen werden. Durch Ausgrenzung oder mangelndes VerstĂ€ndnis aus dem sozialen Umfeld kann es zu einem GefĂŒhl der Isolation und psychischen Belastungen kommen. Es mangelt hĂ€ufig sowohl an fachlich qualifiziertem Personal als auch an einer multiprofessionellen Betreuung zur UnterstĂŒtzung bei der AlltagsbewĂ€ltigung und im Umgang mit psychischen Belastungen.
Fehlende Anreize fĂŒr die Forschung
Die Entwicklung von Medikamenten fĂŒr SE ist mit hohen Ausgaben verbunden. Gleichzeitig fallen die Einnahmen aufgrund kleiner Fallzahlen gering aus. Das ist fĂŒr pharmazeutische Unternehmen wenig attraktiv. FĂŒr viele Seltene Erkrankungen fehlt daher bisher aufgrund mangelnder Forschungs- und Entwicklungsanreize eine medikamentöse Behandlung. Um dem entgegenzuwirken, können Arzneimittel in der EuropĂ€ischen Union unter bestimmten Voraussetzungen eine Ausweisung als Orphan Drug erlangen. Damit sind unter anderem VergĂŒnstigungen bei der Arzneimittelentwicklung verbunden.
Weitere Informationen zu Orphan Drugs vom Bundesinstitut fĂŒr Arzneimittel und Medizinprodukte
Transition
Ein groĂer Teil der Seltenen Erkrankungen beginnt bereits im Kindes- oder Jugendalter. FĂŒr die Betroffenen stellt der Ăbergang von der Kindermedizin zur Erwachsenenmedizin oft eine weitere Herausforderung dar. Hier ist eine enge Abstimmung zwischen KinderĂ€rzten, weiterbehandelnden Ărztinnen, Eltern und Patienten wichtig, damit die Versorgung lĂŒckenlos weitergehen kann.
Quellen und Hinweise
Unsere Gesundheitsinformationen können eine gesundheitsbezogene Entscheidung unterstĂŒtzen. Sie ersetzen nicht das persönliche GesprĂ€ch mit einem Arzt oder einer Ărztin und dienen nicht der Selbstdiagnostik oder Behandlung.
Unsere Angebote werden regelmĂ€Ăig geprĂŒft und bei neuen Erkenntnissen angepasst. Eine umfassende PrĂŒfung findet alle drei bis fĂŒnf Jahre statt. Wir folgen damit den einschlĂ€gigen Expertenempfehlungen, z.B. des Netzwerk Evidenzbasierte Medizin e.V.
Informationen dazu, nach welchen Methoden die Stiftung Gesundheitswissen ihre Angebote erstellt, können Sie in unserem Methodenpapier nachlesen.
Erstellt vom Team Stiftung Gesundheitswissen.
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Erstellt am: 06.05.2025