Codierung von Seltenen Erkrankungen

In der ICD-Klassifikation sind Seltene Erkrankungen nicht oder nur unspezifisch abgebildet. Das fĂŒhrt nicht nur zu Problemen in der Kommunikation mit Krankenversicherern und anderen Behandlern. Es fĂŒhrt auch dazu, dass Menschen mit Seltenen Erkrankungen im Gesundheitssystem nicht eindeutig abgebildet werden. Erfahren Sie hier, welche prĂ€ziseren Codierungsmöglichkeiten es gibt.

Welche Herausforderungen gibt es bei der Codierung von Seltenen Erkrankungen?

Die ICD-Klassifikation ist ein wichtiges Werkzeug im deutschen Gesundheitssystem, um Diagnosen einheitlich zu kommunizieren. Jedoch erlaubt sie nur fĂŒr wenige Seltene Erkrankungen (SE) eine eindeutige Identifikation. Die meisten SE werden in der ICD-10-GM gemeinsam mit weiteren, meist hĂ€ufigen Erkrankungen verschlĂŒsselt, sodass anhand des ICD-10-Codes nicht auf die SE geschlossen werden kann. Im Jahr 2015 waren etwas mehr als 500 der knapp 7.000 SE in der ICD-10-Codierung mit einem prĂ€zisen DiagnoseschlĂŒssel belegt. Bei dieser Berechnung ist zu berĂŒcksichtigen, dass einzelnen SE, etwa der Zystischen Fibrose, mehrere ICD-10-Codes zugeordnet sind (siehe Tabelle 1). Die tatsĂ€chliche Anzahl von SE mit einem exklusiven ICD-10-Code lag daher 2015 deutlich niedriger.

Mit der aktuellen ICD-10-Kodierung sind Menschen mit SE oft nicht als solche zu erkennen. Die von Leistungserbringern an die Krankenkassen ĂŒbermittelten Informationen können SE also nur unzulĂ€nglich abbilden. Dies hat wiederum zur Folge, dass Aussagen weder zur HĂ€ufigkeit der Erkrankung noch zum speziellen Versorgungs- und Finanzierungsbedarf zu treffen sind. Ohne diese Informationen ist es auch fĂŒr Betroffene schwer zu erkennen, welche Institutionen verstĂ€rkt eine bestimmte Erkrankung behandeln und eine entsprechende Expertise besitzen. ZusĂ€tzlich sind genaue Informationen zu Diagnosen von Seltenen Erkrankungen wichtig fĂŒr Forschungsfragen, z. B. in der klinischen oder Versorgungsforschung. 

Die im Jahr 2015 veröffentliche Beta-Version der ICD-11-Codierung enthielt bereits 5.400 der damals 6.954 bei Orphanet gelisteten SE. Jedoch wurde die ICD-11 erst im Jahr 2019 verabschiedet und trat im Januar 2022 mit einer Übergangsfrist von fĂŒnf Jahren in Kraft. Ein konkreter Zeitpunkt ihrer EinfĂŒhrung in Deutschland steht noch nicht fest und wird aufgrund der hohen Integration der ICD-10-GM im deutschen Gesundheitswesen und der damit verbundenen KomplexitĂ€t voraussichtlich noch mehrere Jahre in Anspruch nehmen.

Welche Alternativen gibt es zur ICD-Codierung?

Durch die absehbare zeitliche Verzögerung der ICD-11 empfahl bereits 2014 die „European Commission Expert Group on Rare Diseases“ die zusĂ€tzliche Verwendung von ORPHAcodes neben den ICD-10-Codes, um SE eindeutig zu codieren. 

In Deutschland hat das Deutsche Institut fĂŒr Medizinische Dokumentation und Information (DIMDI) die Empfehlung zur doppelten Kodierung von SE in Form der Alpha-ID-SE umgesetzt. Die Alpha-ID-SE wird seit 2021 standardmĂ€ĂŸig jĂ€hrlich neu herausgegeben. Seit 2023 ist die Verwendung der Alpha-ID-SE im stationĂ€ren Bereich verpflichtend. 

ORPHAcodes

Da sich die Diagnosebezeichnungen fĂŒr SE in der ICD-10-GM nicht ausreichend widergespiegelt haben, wurde 2014 eine Maßnahme verabschiedet, die zusĂ€tzlich zu den ICD-10-Codes die Verwendung von ORPHAcodes fĂŒr SE empfahl. Dabei handelt es sich um eine Nomenklatur fĂŒr Seltene Erkrankungen, die vom internationalen Netzwerk fĂŒr SE, Orphanet , entwickelt wurde: ein mehrsprachiges standardisiertes System, das eine spezifische Terminologie fĂŒr SE bietet. Dabei wird jeder klinischen EntitĂ€t ein eindeutiger und zeitlich stabiler ORPHACode zugewiesen, um den herum die ĂŒbrigen Daten aus der Orphanet-Datenbank strukturiert werden. Die Orphanet-Nomenklatur bietet eine gemeinsame Sprache fĂŒr alle Gesundheits- und Forschungssysteme und dient so der wirksamen Erfassung und Berichterstattung von SE.

Die Orphanet-Nomenklatur verweist außerdem auf andere internationale Terminologien und Referenz-Datenbanken (z. B. OMIM, ICD-10, SNOMED-CT, MedDRA, UMLS, MeSh, GARD), um einen Austausch zwischen den unterschiedlichen Informationssystemen zu ermöglichen.

Weitere Informationen zur Orpha-Nomenklatur der Seltenen Erkrankungen

Alpha-ID-SE: VerknĂŒpfung von ICD- und ORPHA-Codes

Die Alpha-ID (Alpha-Identifikator) ist eine Identifikationsnummer, die auf dem alphabetischen Verzeichnis zur ICD-10-GM basiert und jedem der EintrĂ€ge zugeordnet ist. Die Alpha-ID ermöglicht so die Codierung einer medizinischen und alltagssprachlichen Diagnosebezeichnung. Dadurch hilft die Alpha-ID den Verlust an Detailinformationen auszugleichen, der beispielsweise bei der ICD-10-Codierung auftritt. Durch die Alpha-ID hingegen sind alle Synonyme und jede Krankheitsbezeichnung aus dem alphabetischen Verzeichnis als einzelne Bezeichnungen codiert. Das Beispiel in Tabelle 3 zeigt, dass es fĂŒr einen einzelnen ICD-10-GM-Code zahlreiche Alpha-ID gibt, welche die EintrĂ€ge im alphabetischen System kennzeichnen. 
 

Die Alpha-ID-SE ist eine erweiterte Variante der Alpha-ID. Neben den ICD-10-GM-Codes enthĂ€lt sie zusĂ€tzlich entsprechende ORPHAcodes. Die Version 2022 der Alpha-ID-SE enthĂ€lt mehr als 85.000 Diagnosebezeichnungen von Krankheiten sowie 5.796 spezifische ORPHAcodes, die eine parallele Codierung von SE ermöglichen. ZusĂ€tzlich zu den Änderungen im systematischen Verzeichnis der ICD-10-GM wurden viele neue Diagnosebezeichnungen speziell fĂŒr SE aufgenommen. Durch die VerknĂŒpfung von Alpha-ID, Erkrankungsbegriff, ICD-10-GM-Code und ORPHAcode sind in einem Schritt alle notwendigen Informationen zur Codierung von SE verfĂŒgbar.

Weitere Informationen zur Alpha-ID-SE

Welche Codierung ist fĂŒr SE anzuwenden?

FĂŒr Behandelnde von Menschen mit SE ist es sinnvoll, außer dem ICD-10-GM-Code auch die Alpha-ID-SE und den entsprechenden ORPHACode zu kennen und diesen dem Patienten, der Patientin bei Bedarf auszuhĂ€ndigen. 

Die meisten Patientinnen und Patienten mit SE werden ambulant versorgt. In diesem Bereich ist die Nutzung der Alpha-ID-SE bisher nicht verpflichtend. Die PrĂ€valenz von SE und die Versorgungssituation betroffener Menschen lĂ€sst sich also bis jetzt nicht umfĂ€nglich abbilden. Um die Finanzierungs- und Versorgungsbedarfe im Zusammenhang mit SE besser zu erfassen, wĂ€re zukĂŒnftig auch im ambulanten Bereich eine Codierung anhand der Alpha-ID-SE hilfreich.

Quellen und Hinweise

Unsere Gesundheitsinformationen können eine gesundheitsbezogene Entscheidung unterstĂŒtzen. Sie ersetzen nicht das persönliche GesprĂ€ch mit einem Arzt oder einer Ärztin und dienen nicht der Selbstdiagnostik oder Behandlung.

Aymé S, Bellet B, Rath A. Rare diseases in ICD11: Making rare diseases visible in health information systems through appropriate coding. Orphanet J Rare Dis 2015; 10:35. doi: 10.1186/s13023-015-0251-8.

Bundesinstitut fĂŒr Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM). Nationales DIMDI-Projekt „Kodierung von Seltenen Erkrankungen“. VerfĂŒgbar unter: https://www.bfarm.de/DE/Kodiersysteme/Terminologien/Alpha-ID-SE/Nationales-Projekt/_node.html [17.01.2024].

Bundesinstitut fĂŒr Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM). Alpha-ID-SE. VerfĂŒgbar unter: https://www.bfarm.de/DE/Kodiersysteme/Terminologien/Alpha-ID-SE/_node.html [27.07.2023].

Bundesinstitut fĂŒr Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM). ICD-10-GM. VerfĂŒgbar unter: https://www.bfarm.de/DE/Kodiersysteme/Klassifikationen/ICD/ICD-10-GM/_node.html;jsessionid=8F87002506717C091EDAD277340F8D77.intranet662 [27.07.2023].

Martin T, Rommel K, Thomas C, Eymann J, Kretschmer T, Berner R et al. Seltene Erkrankungen in den Daten sichtbar machen – Kodierung. Bundesgesundheitsblatt Gesundheitsforschung Gesundheitsschutz 2022; 65(11):1133–42. doi: 10.1007/s00103-022-03598-9.

Marx MM, Dulas FM, Schumacher KM. Verbesserung der Sichtbarkeit seltener Erkrankungen in Gesundheitssystemen durch spezifische Routinekodierung. Bundesgesundheitsblatt Gesundheitsforschung Gesundheitsschutz 2017; 60(5):532–6. doi: 10.1007/s00103-017-2534-9.

Orphanet. Procedural document: Orphanet nomenclature and classification of rare diseases; 2020. VerfĂŒgbar unter: www.orpha.net/orphacom/cahiers/docs/GB/eproc_disease_inventory_R1_Nom_Dis_EP_04.pdf [28.07.2023].

Unsere Angebote werden regelmĂ€ĂŸig geprĂŒft und bei neuen Erkenntnissen angepasst. Eine umfassende PrĂŒfung findet alle drei bis fĂŒnf Jahre statt. Wir folgen damit den einschlĂ€gigen Expertenempfehlungen, z.B. des Netzwerk Evidenzbasierte Medizin e.V.

Informationen dazu, nach welchen Methoden die Stiftung Gesundheitswissen ihre Angebote erstellt, können Sie in unserem Methodenpapier nachlesen.

Autoren und Autorinnen:
Jochen Randig
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Senior-Multimedia-Producer
Jochen Randig ist Kommunikationswissenschaftler mit Schwerpunkt Bewegtbild. FĂŒr die Stiftung konzipiert er multimediale Formate und ist fĂŒr die QualitĂ€tssicherung und Dienstleistersteuerung in diesem Bereich zustĂ€ndig.
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Lisa-Marie Ströhlein
Lisa-Marie Ströhlein

Lisa-Marie Ströhlein

Medical Writerin
Lisa-Marie Ströhlein studierte Medizinische Biologie mit dem Schwerpunkt Wissenschaftskommunikation. FĂŒr die Stiftung bereitet sie komplexe medizinische Themen und Inhalte in laienverstĂ€ndlicher Sprache auf.

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Erstellt am: 14.04.2025